bi – Resas Ramblings https://flauschig.org/blog An-, Drauf- und Einsichten meinerseits Sun, 20 May 2018 11:58:21 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.9.22 Bi und Poly https://flauschig.org/blog/?p=93 https://flauschig.org/blog/?p=93#comments Mon, 18 May 2015 12:07:41 +0000 https://flauschig.org/blog/?p=93 Weiterlesen ]]> Auf dem Jungen Polytik-Treffen 1, auf dem über die politische Seite der Polyamorie geredet wurde, gab es einen von mir angestoßenen Workshop zum Thema „Bi und Poly“ – die Verbindung von Bisexualität und Polyamorie. Die Communities überschneiden sich und es gibt eine Menge gemeinsamer politischer Themen, da die Diskriminierung, der wir als bi und als poly ausgesetzt sind, sich an einigen Stellen ähnelt und überschneidet.

Vielen Dank an dieser Stelle an alle, die teilgenommen haben, und an die Polytik-Organisator_innen, die den Raum dafür geschaffen haben.

Der folgende Text fasst die wichtigsten Gedanken zusammen, die in dem Workshop geäußert wurden. Im Text spreche ich oft von einem „wir“ (wir glauben, wir finden, …). Sofern nicht anders angegeben, meine ich damit die Teilnehmenden des Workshops. Ich habe nicht zu jeder einzelnen Aussage die Position aller abgefragt, sondern gebe meinen Eindruck wieder, der im Workshop entstanden ist, und ich habe den Text von den anderen Teilnehmenden korrekturlesen lassen.

Natürlich ist dieser Text durch meine und unsere subjektiven Erfahrungen, gesellschaftlichen Positionierungen und auch Privilegien geprägt. Beispielsweise waren die Teilnehmer_innen überwiegend weiß, ohne Behinderung, und hatten eine akademische Bildung, so wie ich. Ich bin sehr interessiert daran, auch aus anderen Perspektiven etwas zu dem Thema zu hören.

Was bedeutet Bisexualität für uns?
Obwohl Bisexualität von einigen als „jemand steht sowohl auf Männer als auch auf Frauen“ verstanden wird, lehnen viele von uns diese Zweigeschlechtlichkeit ab und beziehen nichtbinäre Geschlechter, beispielsweise agender, neutrois, oder genderfluid 2, mit ein. Eine mögliche Definition geht auf die Bi-Aktivistin Robyn Ochs zurück 3: „Ich nenne mich bisexuell, weil ich das Potential habe, romantische und/oder sexuelle Anziehung zu Menschen mehr als eines Geschlechts zu haben- nicht unbedingt zur selben Zeit, auf dieselbe Art und Weise, oder gleich intensiv.“ Viele mögen diese Definition, weil sie sehr inklusiv ist, gewissermaßen bestätigt sie vielen Menschen, dass sie sich bisexuell nennen „dürfen“ und dass sie „bisexuell genug“ sind.
Viele bevorzugen andere Begriffe wie pansexuell, omnisexuell, oder einfach queer für ihre sexuelle Orientierung. Wir denken, es gibt nicht den einzig richtigen Begriff, akzeptieren die Selbstdefinition aller, und glauben, diese Gruppen haben viel davon, sich zu verbünden. Viele der hier genannten Gedanken lassen sich gut auf die genannten und auf andere nicht-monosexuelle 4 Orientierungen übertragen.

Und Polyamorie?
Eine mögliche Definition von Polyamorie ist: „Ich habe das Potential, eine romantische und/oder sexuelle Beziehung zu mehr als einem Menschen zur selben Zeit zu haben, und alle Beteiligten wissen davon und willigen ein“ 5. Auch diese Beziehungen müssen nicht unbedingt gleich intensiv sein – und nicht zu Menschen des gleichen Geschlechts. Hier zeigt sich, dass schon die Definitionen sehr ähnlich sein können. Und für viele passen Bisexualität und Polyamorie tatsächlich gut zusammen als eine Möglichkeit, sich nicht gegen eins entscheiden zu müssen.

Jedoch sind Bisexualität und Polyamorie nicht das gleiche.
Die Mainstreamkultur vermischt beide Konzepte häufig, und tut so, als seien bisexuelle Menschen zwangsläufig auch nichtmonogam. Das ist Unsinn – Es gibt viele Bisexuelle, die langfristige monogame Partnerschaften eingehen, und es gibt viele Polyamore, die sich nur von Menschen eines einzigen Geschlechts romantisch/sexuell angezogen fühlen. Der Stereotyp, Bisexuelle „brauchen“ immer Menschen „beider“ Geschlechter 6, um sexuell zufrieden zu sein, ist leider sehr verbreitet und mit vielen negativen Zuschreibungen und Diskriminierung verbunden, etwa dem Vorwurf der Untreue. Obwohl es sicherlich Leute gibt, für die es wichtig ist, immer Beziehungen zu Menschen unterschiedlicher Geschlechter gleichzeitig zu führen, lehnen wir die verallgemeinerte Aussage ab.
Uns geht es nicht um eine Gleichsetzung, sondern um Überschneidungen und gemeinsame politische Themen.

Die Bi- und Poly-Communities überschneiden sich.
Viele der Teilnehmenden des Workshops waren bisexuell, einige auch pansexuell oder ohne Label. In der größeren deutschsprachigen Poly-Community, beispielsweise unter den Teilnehmenden der Treffen des Polyamoren Netzwerks 7, wurde der Anteil Bisexueller von uns auf etwa 30% geschätzt, aber statistische Erhebungen dazu gibt es unseres Wissens nach dort bisher nicht. Allerdings wurde in einer Umfrage der deutschsprachigen Partnerschaftsbörse „Gleichklang“ die Einstellung zu monogamen Beziehungen bei hetero-, homo- und bisexuellen Menschen untersucht, und unter anderem festgestellt, dass unter den Befragten die Bisexuellen Monogamie als weniger förderlich bewerteten8.
In US-amerikanischen Poly-Communities wird der Anteil Bisexueller auf zwischen 30% und 60% geschätzt. Es gab sogar eine Studie, in der 51% der teilnehmenden Polys sich als bi identifizierten, und desweiteren Studien, die den Anteil Polyamorer unter den Bisexuellen mit etwa 40% beziffern 9.

Bisexuell zu sein ist in Poly-Communities weithin akzeptiert, auch wenn es leider stellenweise Heteronormativität 10 gibt, an einigen Stellen auch Bifeindlichkeit 11. Im Mainstream und auch in Poly-Communities gibt es stellenweise die Vorstellung, dass Bisexuelle „nur experimentieren“ und beispielsweise romantische und/oder sexuelle Beziehungen zwischen Frauen nicht ernstgenommen oder abgewertet werden.
In Bi-Communities ist Polyamorie auch weithin akzeptiert, soweit wir wissen, wobei es auch Bisexuelle gibt, die sich sehr stark von Polyamorie abgrenzen, bis hin zu einer Abwertung und vor allem gegenüber Frauen auch oft verbunden mit „Slut Shaming“ 12.

In der Mainstreamkultur gibt es das Ideal der „einzig wahren Liebe“.
Das Ideal, das uns beispielsweise durch Filme und Geschichten von klein auf vermittelt wird, sieht vor, dass wir eines Tages den oder die „Richtige“ treffen, mit dieser Person eine Beziehung bis an unser Lebensende führen, und nie wieder jemand anderen lieben. Sollten wir uns doch in eine andere Person verlieben, müssen wir uns für eine_n von beiden entscheiden. Gehen wir eine Beziehung mit der neuen Person ein, übernimmt diese die Rolle der „einzig wahren Liebe“, und die vorige Beziehung wird für unwichtig erklärt.

In diesem Ideal sind sowohl Monogamie, die romantische und sexuelle Ausschließlichkeit mit einem Menschen, als auch Monosexualität, das ausschließliche Begehren von Menschen eines Geschlechts, enthalten. Schließlich kann der oder die „Richtige“ in der Vorstellung des Mainstreams nur eines von zwei Geschlechtern haben, im Falle einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft ist man dementsprechend „in Wirklichkeit“ homosexuell und im Falle einer gegengeschlechtlichen Partnerschaft „in Wirklichkeit“ heterosexuell. Bei dieser Fremdzuschreibung der sexuellen Orientierung wird die frühere Beziehungsgeschichte ausgeblendet, denn „es war ja nicht der/die Richtige, also zählt es nicht“.

Bisexuelle und Polyamore stören dieses monogame und monosexuelle Bild, sie brechen gewissermaßen die Regeln, wie auch Pepper Mint in dem Essay „The Power Dynamics of Cheating: Effects on Polyamory and Bisexuality“13 beschreibt. Und dafür werden sie „bestraft“, beispielsweise durch Abwertung und gesellschaftlichen Druck.

Viele negative Zuschreibungen und Stereotype treffen Polys und Bis gleichermaßen.
Beispielweise wird die Identität für nichtig erklärt, sie sei „nur eine Phase“. Es wird verlangt, Leute mögen „sich doch endlich entscheiden“, sei es zwischen Hetero- und Homosexualität oder aber für „die eine, richtige, ernsthafte“ Beziehung. Geschieht dies nicht, wird ihnen vorgeworfen, sie seien „gierig“ und „egoistisch“, weil sie sich nicht so beschränken, wie es von ihnen erwartet wird, und wie alle anderen sich doch auch beschränken („Du darfst nicht, was ich mir nicht erlaube“).

Wie können wir diese Stereotype aufbrechen?
Oft wird in Bi- und Poly-Communities dagegen argumentiert und versucht, den Mythos als falsch zu entlarven: „Nein, es ist nicht nur eine Phase!“, „Nein, wir müssen uns nicht entscheiden, wir haben uns schon entschieden!“, „Nein, wir sind nicht gierig und egoistisch!“
So verständlich wir diesen Impuls finden, so schade finden wir es, wie defensiv hier vorgegangen wird, wie sehr versucht wird, den gesellschaftlichen Maßstäben zu entsprechen, anstatt die Anforderungen an sich zu hinterfragen. Und was ist mit Bisexuellen, die vielleicht noch unentschlossen sind, oder solchen, bei denen Bisexualität wirklich nur eine Phase im Leben war, oder mit solchen, die auch mal gierige und egoistische Beziehungsentscheidungen treffen? Sollen wir diese Leute aus unserer Bewegung ausschließen und ihnen das Gefühl geben, sie seien ja nicht „richtig“ bi oder poly?
Ich persönlich finde, auch solche Leute sollten in der Bi- und Poly-Bewegung willkommen sein und als Teil davon verstanden werden. Wir als Individuen könnten sagen: „Nein, für mich ist es keine Phase, aber für manch andere schon, und für die ist es vielleicht ein genauso wichtiger Lebensabschnitt.“, „Danke, ich habe mich entschieden, ich bin bisexuell, aber es ist auch in Ordnung, sich unsicher zu sein.“, „Nein, ich tue das nicht aus Egoismus, aber auch ich mache mal Fehler in Beziehungen, so wie jeder Mensch, der Beziehungen führt, unabhängig von der sexuellen Orientierung.“
Wir als Bi- und Poly-Bewegung könnten aufhören, perfekt sein und unserer Umgebung ein einziges konsistentes Bild vermitteln zu wollen, und stattdessen die Vielfalt sichtbar machen, die es gibt, anstatt „den einen Standard“ schaffen zu wollen, dem es zu entsprechen gilt.

These: Hinter diesen Stereotypen und deren Abwertung steckt auch Verunsicherung.
Gerade bisexuelle, aber auch polyamore Menschen haben keine klaren Erkennungszeichen, auf Basis derer sich Leute aus der Mehrheitsgesellschaft einbilden, sie könnten uns erkennen. Wenn Heterosexuelle denken, sie würden einen Schwulen am Aussehen erkennen, aber einen Bisexuellen nicht, dann schafft das Verunsicherung, weil sie ja dann nicht sicher sein können, „unter sich“ zu sein 14 Sie können sich dann nicht so leicht von uns abgrenzen, denn wir sehen vielleicht aus wie sie. Vielleicht macht die Mehrheitsgesellschaft auch deswegen so starken Druck, Menschen in eine Kategorie einzuordnen, die sie kennen: Sie möchte diese Sicherheit wiedergewinnen.
Anstatt zu versuchen, der Mehrheitsgesellschaft ihre Sicherheit zu geben und sich möglichst stark anzupassen, schlägt Shiri Eisner in dem Buch „Bi Notes for a Bisexual Revolution“ 15 vor, das radikale Potential hinter diesen Stereotypen zu erkennen und zu nutzen. Soweit ich es verstanden habe, heißt das, zu erkennen, wo unsere Gesellschaft starke Meinungen und Gefühle zum Thema Bisexualität hat, und dort anzusetzen, um etwas zu bewegen und vielleicht das ganze System auseinanderzunehmen. Eine politische Strategie kann daher sein, Verunsicherung zu schaffen und bewusst zu nutzen, um Denkstrukturen aufzubrechen und Normen in Frage zu stellen.

Eine andere politische Strategie kann sein, Freiheiten aufzuzeigen.
Bisexualität und Polyamorie heißt, sich nicht auf ein Geschlecht und/oder eine Beziehung beschränken zu müssen. Menschen die Möglichkeit aufzuzeigen kann für diese zu mehr persönlicher Freiheit führen und ihnen vielleicht helfen, dass sie neue Seiten an sich entdecken oder aufhören, schon entdeckte Seiten zu unterdrücken, weil diese nicht dem hetero- und mononormativen Mainstream entsprechen.
Wir finden, es kann okay sein, Heterosexualität in Frage zu stellen, da diese die Norm ist und viele Leute ansonsten niemals dazu gebracht werden, diese bei sich zu hinterfragen. Aussagen wie „Alle Menschen sind in Wirklichkeit bisexuell“ lehnen wir jedoch ab – Wenn die Leute dann zu dem Schluss kommen, dass sie wirklich hetero sind, ist das auch gut, denn sie haben zumindest registriert, dass auch andere sexuelle Orientierungen möglich wären. Und wir verstehen Bisexualität dabei als eine Erweiterung der Möglichkeiten, und nicht als eine Negierung des Bisherigen. Homosexualität auf dieselbe Art und Weise in Frage zu stellen halten wir für keine gute Idee, denn dies könnte zu ähnlich aussehen zu Versuchen, Homosexuelle zur Heterosexualität zu „konvertieren“.
Monogamie in Frage zu stellen oder sich bewusst für sie zu entscheiden fällt oft leichter – Wieso reagieren viele Leute auf Polyamorie mit „Wow, wie cool, aber ich könnte das nicht“, aber auf Bisexualität nicht?

Wir wollen die Vielfalt, die existiert und die möglich ist, sichtbar machen.
Dies hängt für uns zusammen mit dem Aufbrechen des Ideals der „einzig wahren Liebe“, der Monogamie und Monosexualität als einziger Option.

Ein weiteres wichtiges politisches Thema ist sexuelle Selbstbestimmung.
Darunter verstehen wir das Recht, zu Sex „Ja“ oder „Nein“ sagen zu können, ohne dafür verurteilt zu werden oder sich dafür rechtfertigen zu müssen. Dafür wird schon von feministischen Gruppen gekämpft, und ich denke, Bisexuelle und Polys sollten diese Kämpfe unterstützen.

Auch die gesundheitliche Versorgung ist ein Thema, das unter anderem Bisexuelle und Polys betrifft, beispielsweise durch peinliche Fragen bei Ärzt_innen, Probleme einen Test auf sexuell übertragbare Krankheiten zu bekommen, oder im Gegenteil, dass Menschen als „Risikogruppe“ eingeordnet werden und kein Blut spenden dürfen. Auch reproduktive Rechte wurden als wichtiges Thema angesprochen, das auch Bisexuelle und Polys in besonderer Weise berührt.

Es wird also deutlich, dass Bisexuelle und Polys viele gemeinsame Themen haben, und einige davon können wir vielleicht auch gemeinsam angehen.
Das nächste Polytik-Treffen gibt es vermutlich erst nächstes Jahr. Viele der oben genannten Themen können wir aber auch in der Zwischenzeit schon angehen, beispielsweise in unseren sozialen Kreisen und Communities.

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